Neue Bücherbusse, alternativer Antrieb

Bus, LKW, Transporter - Praxisberichte usw.
Thomas Pommert
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Re: Neue Bücherbusse, alternativer Antrieb

Beitrag von Thomas Pommert » 13. Jan 2021, 08:35

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Forum habe ich heute gelesen, dass es in Köln beim Bus als Basis bleiben werden. Zwar gasbetrieben, aber eben konstruktiv ein Bus. Bei der geringen Laufleistung einer Fahrbibliothek und den langen Nutzungszeiten als Bibliothek ist dieser alternative Antrieb nicht die Lösung für einen ökologisch sinnvollen Betrieb, es sei denn, dass es eine Bauform gibt, die niedrigere Verbrauchswerte für Heizung und Klimaanlage ermöglicht. Wenn aber nach wie vor mehr als 30 kW Heizleistung von Nöten sind, dann wird an den Haltestellen die Umwelt sinnlos belastet. Und bei einer Fahrbibliothek ist das auf 20 bis 30 Jahre festgeschrieben. Durch die schlecht isolierte Karosse (am besten noch mit 8 Dachfenstern) muss zudem im Sommer die Klimaanlage mit sehr hoher Leistung laufen, um einen geringen Effekt zu erzielen. Unter Umständen wird dann noch der Generator als weitere Schadstoffquelle unumgänglich, da für diese Energiemengen die Akkus nicht reichen und für eine Solaranlage mit ausreichender Kapazität der Platz fehlt.

In der letzten Zeit wurden erfreulich viele Fahrbibliotheken ausgeschrieben. Allerdings alle auf Busbasis. Wir wurden sogar mehrfach, z. B. in Heidelberg und Nürnberg, aufgefordert, teilzunehmen. Wir konnten das aber gar nicht. Denn die Hersteller der Bus-Chassis Iveco, Setra bzw. Mercedes, MAN und Volvo haben die Lieferung, sogar von vornherein nach Prüfung unserer Anfrage das Angebot, verweigert. Der Grund sind die Änderungen, die wir konstruktiv vornehmen müssen, um einen zeitgemäßen, also auch angemessen isolierten Aufbau, zu realisieren. Es bleibt nur der finnische Hersteller, der von Volvo auch ausdrücklich geschützt wird. Oder es muss der komplette Bus mit Verglasung und allen was für den Personentransport nötig ist genommen und dann umgebaut werden. Doch schon wenn die Scheiben z. B. durch Stahl- oder Aluminiumbleche ersetzt werden, ist eine Zulassung quasi ausgeschlossen. Man muss die suboptimale Isolierung der Verglasung beim Personentransport akzeptieren, da dieser ja nicht ohne Fenster erfolgen kann. Aber wenn es um Güter geht, auch bei Medien, entfällt dieser Grund. Die Isolierung muss dann einen wirtschaftlich und ökologisch sinnvollen Betrieb ermöglichen. Das geht beim Bus als Fahrbibliothek umgebaut nicht. Überall werden heute enorme Anstrengungen zur Reduzierung des Energiebedarfs unternommen. Aber wenn dieser um zwei Drittel verringert werden kann wie bei einer Fahrbibliothek, dann spielt das keine Rolle?

Mehrere Ausschreibungen für Busse konnten nicht mit einem Zuschlag beendet werden. Es geht in die 2. Runde, weil die Vorgaben nicht erfüllt wurden. Unter den vorgenannten Bedingungen wird das auch immer schwieriger, da der Kreis der potentiellen Anbieter immer kleiner wird. Dabei sind sicher mehrere Unternehmen so wie wir in der Lage, hochwertige Sonderfahrzeuge zu fertigen. Aber selbst wer das wollte, kommt heute nicht mehr in den Busmarkt rein – siehe oben. Und wer die Preisdiskussionen und Ansprüche kennt, versteht auch nicht, wieso bei seinem Preis noch Verhandlungsbedarf besteht, wenn an anderer Stelle bei 600.000 € die Fahnenstange noch kein Ende kennt. Es wurde eine Ausschreibung ohne Auftrag beendet, weil die veranschlagten 650.000 € nicht reichten. Jetzt sind 790.000 € bewilligt. Mich würde interessieren, woher diese Zahl kommt. Hat jemand gesagt, dass es für diesen Betrag machbar ist? Oder gab es ein Angebot mit dieser Summe und jetzt wird darauf gehofft, dass das ausgeschriebene Fahrzeug bei einer zweiten, sonst unveränderten Ausschreibung, geliefert werden kann. Es werden also keine Überlegungen angestellt, ob die Wünsche ein wenig zu teuer sind und es mit einer anderen Ausstattung besser ginge. Als Steuerzahler kann man das nicht nachvollziehen.

Ich kenne die Diskussionen zu den verschiedensten Themen auf den Bibliothekartagen oder beim IFBK. Dort ging es auch um Ökologie und wie wichtig der Klimaschutz ist oder um das Geld, was der Staat für alles Mögliche ausgibt, zum Beispiel für Konzerthäuser und Flughäfen und dass das Alles doch auch günstiger zu lösen gewesen wäre. Doch die dort vertretenen Positionen finde ich bei den Ausschreibungen für Fahrbibliotheken häufig nicht wieder.

Ich habe lange Zeit überlegt, ob ich mich so zu diesem Thema äußere, denn sicher gibt es einige, die sich durch meine Worte angegriffen fühlen und es birgt auch das Potential missverstanden zu werden. Andererseits setze ich mich seit mindestens 5 Jahren intensiv mit den Aufgaben auseinander, die durch die Maßnahmen zum Klimaschutz speziell für die Nutzfahrzeugbranche vom Hersteller bis zum Nutzer neu entstanden sind und einer rasanten Entwicklung unterliegen. Vieles davon ist im Detail anders, als die durch die Medien erzeugte öffentliche Meinung. Wenn dort von den ersten Erfolgen bei elektrisch betriebenen Nutzfahrzeugen berichtet wird, dann wird nicht darauf hingewiesen, dass über 90 % aller Anwendungen davon noch nicht profitieren. Auftretende Schwierigkeiten in Testbetrieb, finden schon nicht mehr den Weg in die Öffentlichkeit.

Wir sind bemüht, die für unsere Bedarfsträger relevanten technischen Neuerungen herauszufinden und in unsere Produkte zu integrieren. Bei so komplexen Produkten wie einer Fahrbibliothek ist es sehr kompliziert, alle Komponenten aufeinander abzustimmen. Das Resultat soll ebenso gut funktionieren, alle Ausstattungen und allen Komfort bei gleicher Qualität bieten, wie die bisher gebauten konventionellen Fahrbibliotheken. Das haben wir jetzt geschafft.

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren nach Alternativen beim Antrieb gefragt. Anfangs ging es um den Gas-Antrieb und seit ca. 6 Jahren um die Elektromotoren. Noch 2019 beim IFBK wurde dieses Thema intensiv diskutiert und es war bei einigen auch die Unzufriedenheit zu spüren, dass es noch keine einsatzreifen Lösungen gab und die Preise exorbitant hoch waren. Wir konnten damals mit einer Elektro-Sattelzugmaschine zumindest eine Option auftun, die allerdings mit 330.000 € kein Interesse fand. Leider gab es damals auch noch keinen Ersatz für die Diesel-Standheizungen, weswegen es ja nicht wirklich eine rein elektrische Variante gewesen wäre.

Doch wieso ist das eigentlich zu teuer, wenn der Bücherbus heute 790.000 € kosten darf – mit Dieselmotor? Weil man außen rum gehen muss? Denn mit dem gleichen konventionellen Antrieb kostet der Sattelzug 400.000 € (Bei Kauf der Sattelzugmaschine, bei Leasing ergeben sich weitere Ersparnisse und Vorteile). Also kann die Investitionssumme fast 200 % betragen, damit niemand draußen rum gehen muss.

In den letzten Ausschreibungen waren keine Alternativangebote zugelassen. Die Leistungsverzeichnisse waren so geschrieben, dass nur der Bücherbus angeboten werden konnte. Dabei wären alle für die Funktion der Fahrbibliothek erforderlichen und gewünschten Komponenten bei anderen Bauformen ebenso lieferbar gewesen. Das nützt aber nichts, wenn z. B. eine Heizung mindestens 30 kW und eine Klimaanlage mindestens 16 kW haben soll. Wenn das ein A-Kriterium ist, dann brauche ich die für unsere Aufbauten benötigten Anlagen mit 8 bzw. 4 kW nicht anbieten. Häufig steht auch das Bus-Chassis ausdrücklich mit im Text. Und Neben- oder Alternativangebote sind nicht zulässig. Klar, denn die würden die Matrix zur Bewertung der Angebote durcheinanderbringen. Denn eine wesentliche Rolle bzw. eine entsprechend hohe Punktzahl hat der Preis. Und wenn der dann plötzlich um sechsstellige Beträge nach unten abweicht, dann ist der Rest der Kriterien Makulatur. Klar haben Design und solche Dinge wie der Durchgang einen Stellenwert. Aber ist der tatsächlich so hoch?

Wir können eine vollelektrische Bibliothek mit einem Raum von ca. 9.390 x 2.450 x 2.300 mm (L x B x H) auf einem LKW-Chassis liefern, welches recht gefällig ist, und würden ohne Förderung auch die 790.000 € für den Heidelberger Dieselbus nicht überschreiten. Bei einem Sattelzug (Bibliotheksraum ca. 10.500 mm) vollelektrisch sind wir bei ca. 600.000. Eine elektrische FB 75 (Bibliotheksraum ca. 6.200 mm mit auf voller Größe verbundenen Fahrerhaus) auf Basis des Iveco Daily unter 7,49 t zGG ist unter 300.000 € lieferbar. Das sind die Preise inkl. Elektroantrieb. Über den Fahrzeug-Akku wird die gesamte Technik der Bibliothek inkl. Heizung und Klima abgedeckt.

Selbstverständlich können wir weiterhin unsere Fahrbibliotheken mit Dieselantrieb liefern. Diese kosten zwischen 60.000 und 250.000 € weniger. Um hier die richtige Entscheidung treffen zu können, ist die Frage nach den geplanten Einsatzbedingungen sehr wichtig. Da sowohl der Motor als auch die Technik der Fahrbibliothek aus einem Akku-Pack bedient werden, muss dieser entsprechend dimensioniert sein. Wenn sehr lange Fahrstrecken mit einem anspruchsvollen Streckenprofil bewältigt werden müssen und dann noch sehr lange Öffnungszeiten an den Haltestellen erfolgen, kann es sein, dass hier die elektrische Lösung (noch) nicht passt. Doch bisher haben wir diesen Fall noch nicht gehabt.

Gern stehe ich für Fragen und Anregungen zur Verfügung. Wer überlegt eine neue Fahrbibliothek anzuschaffen und bei dem es nicht unbedingt der Bücherbus sein muss, stelle ich gern alle erforderlichen Informationen inklusive einer Checkliste für die erste Konzeption zur Verfügung.

Bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen aus Sachsen
Thomas Pommert

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Achilles
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Re: Neue Bücherbusse, alternativer Antrieb

Beitrag von Achilles » 13. Jan 2021, 20:26

Sehr geehrter Herr Pommert,

auch ich habe überlegt, ob ich mich im Forum äußern sollte.
Seit 2003 leite ich die Hamburger Bücherbusse (bestehend aus zwei Kiitokori-Bussen Bj. 2014) und nur in dieser Funktion (nicht als Kommissionsmitglied) möchte ich meinen Beitrag bewertet wissen.

Als erstes möchte ich mich für Ihren wichtigen, sehr ausführlichen und dezidierten Beitrag bedanken. Die Themen Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit bei Nutzfahrzeugen liegen auch mir am Herzen. Da ich als ausgebildete Bibliothekarin allenfalls über technisches Halbwissen verfüge, kann ich mich nur zu wenigen Punkten äußern. Aber die sind mir wichtig.

Als 2013 entschieden wurde, dass es für Hamburg zwei neue Bücherbusse geben soll, stand für das gesamte Team fest, dass es auf Chassis-Basis aufgebaute Busse, also keine umgebauten Reisebusse oder umgebauten Stadtbusse (angesagte „Mode“ in den 90er Jahren) werden sollen. Unserer Meinung nach konnten wir bei dieser Variante unsere Vorstellungen für eine rollende Bibliothek, die gleichermaßen Komfort und Aufenthaltsqualität für Kund*innen und Mitarbeiter*innen bietet, am besten realisieren. Für mich persönlich war außerdem von Anfang an der Sicherheitsaspekt sehr wichtig. Unsere Vorgängerbusse boten den Beifahrer*innen, also auch mir, Sitzplätze über den Eingangsstufen der Vordertür, nah an der Frontscheibe. Ein für mein Empfinden unwürdiges, unbequemes und im Falle eines Unfalls unsicheres Sitzen, das ich mir in neuen Fahrzeugen keinesfalls wieder antun wollte. Deshalb haben unsere derzeitigen Busse auch keine Vordertür – wir sitzen bequem, gut gegen Zug und Kälte isoliert und sicher.
Warum haben wir nicht an einen LKW gedacht? Ganz einfach: nach den geltenden EU-Normen für schwere Nutzfahrzeuge (die auch für unsere Sonderfahrzeuge gelten sollten) hätten unsere Fahrbibliotheken eine geschlossene Kabine, also keinen Zugang zum Ausleihraum haben dürfen. An den Haltestellen nicht jedes Mal, für die Fahrerinnen und Fahrer in den fließenden Verkehr hinein, ein- und aussteigen zu müssen ist nach meiner Erfahrung ein entscheidendes Sicherheits- und Komfortmerkmal. Vor allem, weil wir in der Stadt unterwegs sind. Für mich, und vermutlich für viele andere auch, ist das ein ausgesprochen wichtiger Aspekt. Das Arbeiten in einem Bücherbus ist generell sehr viel weniger komfortabel als in einer Standort-Bibliothek (Klima, Toilettensituation, Enge), weshalb ich es nicht als übertrieben verschwenderisch erachte, wenn ein gewisser Ausstattungsstandard bei der Neuanschaffung von Bücherbussen zu Buche schlägt. Ich selbst fahre zwei- oder dreimal in der Woche in einem unserer Bücherbusse mit (ca. 10 – 18:15 Uhr)
Unsere Busse haben keine schlecht isolierten Außenwände (Glas, Verblechung), einen gut isolierten Fußboden und 3 Dachluken in einer ebenfalls wirkungsvoll isolierten Milchglasdecke, die bei Tageslicht oftmals künstliches Licht unnötig macht. Was also die Isolierung angeht, war der Unterschied zu den Vorgänger-Bussen (umgebaute Stadtbusse) deutlich spürbar. Meines Erachtens zählen unsere Busse nicht zu den Ressourcen-Verschwendern, obwohl sie keine LKW sind.
Unsere Busse haben vor sieben Jahren pro Stück runde 430 000 Euro brutto gekostet. Heutzutage müsste man vermutlich incl. Klimaanlage, die wir nicht haben, 540 000 Euro rechnen. Dann hätten wir aber natürlich auch Euro 6 (wir haben noch Euro 5) und weitere technische Neuerungen (Bremsassistent, Wankunterdrückung auch bei stehendem Bus beispielsweise). Mir, aber auch vielen meiner Kolleg*innen ist eine solide, praktische Ausstattung wichtig. Insofern scheint mir das angeführte Beispiel Heidelberg mit mittlerweile 790 000 Euro für einen Diesel-Bus eine absolute Ausnahme zu sein.
Wir hätten gern Klimaanlagen nachgerüstet. 2013 waren Lithium-Ionen-Batterien noch keine Option, und nur mit diesen machen diese Anlagen meiner Meinung nach Sinn. Umweltverträglich sind sie ja zumindest offiziell, im Zeitalter der E-Mobilität. Zumindest wenn man sich keine Gedanken über die Herstellung und Recyclebarkeit von Batterien machen möchte.
Die seinerzeit vom Hersteller der Busse zur Nachrüstung angebotene Klimaanlage erbringt 5 kW Kälteleistung und ist nach Angabe von Kolleg*innen für Bücherbusse dieser Größe und Bauart ausreichend.
Bei der Neuanschaffung von Fahrbibliotheken sind viele Aspekte zu bedenken, die zu den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben der Fahrbibliothek-Teams dazu kommen. Wenn die Teams mitzubestimmen haben, was so sein sollte, aber leider nicht immer der Fall ist.
Die Frage der Antriebstechnik ist ein Problem, das zum jetzigen Zeitpunkt für große Nutzfahrzeuge noch nicht überzeugend gelöst zu sein scheint.
Ausschreibende Kommunen müssen sich trotzdem mit dieser Frage auseinander setzen. Politische Vorgaben sind dabei zu bedenken. Elektrisch ist eigentlich angesagt und im Grunde für Fahrbibliotheken günstig (zum Fahren relativ geringer Energieverbrauch bei geringer Laufleistung und eine Lademöglichkeit über Nacht in den meisten Fällen). Ich persönlich würde trotzdem keine elektrischen Busse haben wollen. Zurzeit gibt es keine Hochbodenvariante und man glaubt es kaum, aber für die Hamburger Straßen ist eine größtmögliche Bodenfreiheit notwendig. Und wie Sie schon erwähnt haben, das Heizungsproblem ist auch nicht vernünftig gelöst.
In diesem Beitrag habe ich wie angekündigt nur einige Punkte angerissen, aber ein Fazit möchte ich trotzdem ziehen: Fahrbibliotheken auf Bus-Basis sind nicht per se eine schlechte Lösung, was die Umweltverträglichkeit betrifft. Auch nicht was die Nachhaltigkeit angeht – sie halten mindestens so lange wie LKW.
Ich hoffe, dass die Welt der Fahrbibliotheken weiterhin bunt bleibt, egal ob die Fahrzeuge LKW, Sattelauflieger, Transporter oder Busse sind!

Herzliche Grüße aus Hamburg
Ingrid Achilles

P.S. Sehr geehrte Frau Höft, zur Beantwortung Ihrer Frage habe ich leider nichts beitragen können. Hoffen wir, dass sich aus dem von Ihnen angeschriebenen Personenkreis noch jemand meldet!

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