Jetzt bringt der Bus die Bücher

Oberrad. Ein Jahr lang mussten die Oberräder auf das Ausleihen von Büchern und Hörspielen verzichten. Nachdem die Stadtteilbücherei Ende Februar 2004 geschlossen wurde, gab es keine Anlaufstelle mehr für Bücherfans aus dem Stadtteil. Damit ist nun Schluss. Gestern stoppte der Bücherbus der Stadtteilbibliotheken erstmals gegenüber der Gruneliusschule – ab sofort lädt er dort immer montags von 15 bis 16.30 Uhr zum Schmökern und Stöbern ein.

«Wir sind der Überzeugung, dass dieses Angebot in Zeiten knapper Kassen ein vollwertiger Ersatz für eine eigene Stadtteilbibliothek ist», sagte Sabine Homilius, Amtsleiterin der Frankfurter Stadtbücherei bei der Eröffnung. Sie sei froh, dass die Oberräder nun wieder mit Literatur und anderen Medien versorgt würden. Und diese Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen, hatte die siebenköpfige Tanzgruppe der Grunelius-Schule sogar einen Tanz einstudiert. Ihre Kunststücke mit Hula Hoop-Reifen und Springseilen brachten das Publikum zum Staunen.

Nach ihrer Vorführung wollten aber auch die Grundschülerin nur noch den neuen Bücherbus besichtigen. Und da waren sie nicht alleine. Vor allem Mütter und ihre Kinder waren zur neuen Haltestelle in der Wiener Straße gegenüber der Gruneliusschule gekommen, um sich mit Krimis, Kinderbüchern oder Sachliteratur einzudecken. Gegen 15.30 Uhr war es dann auch soweit. Feierlich zerschnitt Sabine Homilius das rote Band vor dem Eingang und schon strömten die ersten Kunden hinein.

Schnell wurde es eng in dem etwa einen Meter breiten Gang des Busses. Wer in den vorderen Teil zur Ausleihe gelangen wollte oder am anderen Ende versuchte, das Anmeldeformular für den Bücherei-Ausweis auszufüllen, musste Geduld haben. Es ging nur langsam vorwärts und gelegentlich traten sich die Besucher auch mal aus Versehen auf die Füße. Aber das störte niemanden. Während die älteren Besucher in der Romanabteilung zwischen Siegfried Lenz, Donna Leon und Aldous Huxley stöberten, begeisterten sich die Kleinen vor allem für die Hörspielsammlung und die Bilderbuch-Kiste. «Wir versuchen, in den Bussen ein möglichst modernes Repertoire anzubieten. Der Bestand wird regelmäßig gesichtet und ausgetauscht», erklärte Birgit Lotz, Leiterin der Abteilung Dezentrale Bibliotheken. Doch das Angebot an die Bücherbus-Nutzer beschränke sich nicht nur auf die 5000 Medien, die in den Fahrzeugen Platz finden. «Auch die Oberräder haben weiterhin Zugriff auf den gesamten Bestand der Stadtteilbüchereien. Wer im Bus eine Bestellung aufgibt, bekommt sein Buch oder die DVD in der nächsten Woche mitgebracht.» Auch Ausleihdauer und Gebühren entsprechen denen der anderen Büchereien. Und in Zukunft soll es auch Führungen für Schulklassen in Oberrad geben.

Die Erfahrungen in anderen Stadtteilen habe gezeigt, dass der Bücherbus von der Bevölkerung gut angenommen werde, sagte Sabine Homilius. «Im Jahr haben wir etwa 40 000 Besucher in den Bussen. Das heißt, zu jeder Haltestelle kommen im Schnitt 1000 Nutzer», errechnete Birgit Lotz. Dass das auch in Oberrad so sein wird, wünscht sich auch der Vorsitzende des Regionalrates Ehrfried Schenk. Mit Kirchengemeinden, Schulen und Kindergärten hatte er sich nach der Schließung der Stadtteilbücherei für einen Ersatz stark gemacht. «Ein Jahr ohne eine solche Einrichtung ist eine lange Zeit. Es wird etwas Mundpropaganda brauchen, bis diese Neuerung angenommen wird», meinte Schenk. Der Standort allerdings liege für die Hauptnutzer, Kinder und ältere Menschen, absolut ideal. «Das Wichtigste ist aber, dass Oberrad bildungspolitisch nicht vom Rest der Stadt abgeschnitten wurde.» (kan)
[aus der Frankfurter Neuen Presse vom 12.4.05]

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