Abschaffung des Bücherbusses beendet einen Lebensabschnitt

Das Süderländer Tageblatt berichtet heute:

Seit 28 Jahren fährt Wolfgang Leonhard mit „seinem“ Bücherbus quer durch den Märkischen Kreis. Viermal die Woche macht er Station in sämtlichen Dörfern des Kreises – und trifft auf Bürger, die das umfassende Angebot des Bücherbusses gerne und regelmäßig nutzen. Nun aber könnte alles sehr schnell zu Ende gehen: Auf Vorschlag der CDU- und FDP-Kreistagsfraktionen soll der Bücherbus Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Der Kreis-Kulturausschuss stimmte bereits für die Abschaffung des Bücherbusses, nun bleibt abzuwarten, wie sich der Kreistag am 23. März in Sachen Bücherbus äußert. Beschließt man dort, die Fahrbücherei aufzulösen, dann geht wohl nicht nur für Wolfgang Leonhard ein Stück Lebensgeschichte zu Ende. Konsterniert wirkte er gestern, der leidenschaftliche Bibliothekar.

Wolfgang Leonhard, Leiter der Fahrbücherei des Märkischen Kreises
Tim (l.) und Lukas Deimel bedienten sich gestern noch in der Fahrbücherei. Vielleicht war es für Bibliothekar Wolfgang Leonhard (M.) das letzte Mal, dass er mit seinem Bücherbus Station in Pasel gemacht hat.Foto: S. Schulz

Ein gezwungenes Lächeln huschte über seine Lippen. „Es ist sehr schade, dass gerade der Bücherbus den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen soll“, konnte Leonhard nur den Kopf über die Vorschläge aus der Politik schütteln. Er verstehe zwar, dass der Kreis sparen müsse, aber doch nicht an der Bildung, machte Leonhard seinen Standpunkt deutlich. Doch Leonhard ist nur einer der vielen Leidtragenden, die die Abschaffung des Bücherbusses treffen würde. „Vor allem Kinder, Jugendliche und Rentner nutzen die Fahrbücherei oft. Sie würden den Bücherbus sehr vermissen“, weiß Leonhard um die Zielgruppe der Fahrbücherei aus Erfahrung. Besonders in den abgelegenen Dörfern erfreue sich der Bücherbus des Märkischen Kreises großer Beliebtheit. So nutzte man gestern auch wieder im verschneiten Pasel die rollende Bücherei. Beate Krah-Schulte sieht einen klaren Vorteil gegenüber der Stadtbücherei: „Zur Fahrbücherei kann man die Kinder auch schon mal allein hinschicken. Man braucht nicht erst in die Stadt zu fahren“, befürwortet die Paselerin den Bücherbus und verrät: „Ich war in 30 Jahren zweimal in der Stadtbücherei. Ich nutze ausschließlich den Bücherbus.“ Der Weg nach Plettenberg lohne sich für einen Büchereibesuch nicht, meint Beate Krah-Schulte. Und wenn sie mal in der Stadt ist, sei die Bücherei meist geschlossen. Kurze Zeit später betritt Silke Deimel den Bus und ist verunsichert. „Dürfen wir überhaupt noch etwas ausleihen“, fragt sie, wohl wissend, dass der Bücherbus vielleicht so schnell nicht mehr nach Pasel kommen könnte. Doch Wolfgang Leonhard gibt Entwarnung: „Solange wir noch fahren, kann sich jeder etwas ausleihen.“ Lächelnd widmet sich Silke Deimel den Bücherregalen, aber nicht ohne die Situation aus ihrer Sicht zu analysieren: „Es wäre einfach blöd, wenn der Bus abgeschafft wird. In Pasel ist gar nichts – die Fahrbücherei ist das einzige, wohin man die Kinder auch ohne Begleitung schicken kann“, betont Deimel, dass sie keine Lust hat, ihre Sprösslinge ständig in die Stadtbücherei zu chauffieren. Ihr Nachwuchs ist sich einig: „Gemein und nicht schön“ fänden Lukas und Tim Deimel es, wenn der Bücherbus abgeschafft würde. Auch sie hoffen, dass der Kreistag sich für den Erhalt des Bücherbusses ausspricht – auch wenn sie gar nicht verstehen können, warum die Zukunft der Fahrbücherei überhaupt in Frage steht. Etwas positives gibt es dennoch zu berichten: Auch bei einer Abschaffung des Bücherbusses würden Wolfgang Leonhard und Bücherbus-Fahrer Manfred Böhnert ihre Arbeitsplätze nicht verlieren. „Der Kreis muss uns dann Arbeitsplätze anbieten“, blickt Leonhard in eine ungewisse Zukunft. „Dann muss ich eben sehen, wo ich bleibe.“

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