„Manche Dinge gehen eben nicht“

Neuköllns Bildungsstadtrat Schimmang erklärt Schülern, warum er ihren Bücherbus abschafft
aus der Berliner Zeitung vom 13.02.2007

Das Bekenntnis klingt überzeugend: „Ich trage die Hauptschuld!“, sagt Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) zu den acht Schülern, die vor ihm auf dem Hof der Grundschule am Sandsteinweg stehen. Und er verstehe sogar, dass sie böse auf ihn seien. „Aber was soll ich machen, wenn ich kein Geld habe?“, fragt der Stadtrat rhetorisch sicher und schaut in die Gesichter der Kinder. Die scheinen langsam zu begreifen, dass die Neuköllner Sparpolitik jetzt ihre Fahrbibliothek erwischt hat.

Am 27. Februar fährt der Bücherbus zum letzten Mal durch Neukölln. Neukölln muss dieses Jahr 8,4 Millionen Euro sparen, Schimmangs Bildungs- und Kulturbereich ist mit einer Million Euro beteiligt. Also hat der Stadtrat entschieden, die Fahrbibliothek abzuschaffen. Drei Stellen fallen weg, 100 000 Euro Lohnkosten werden gespart. Und nach 26 Jahren hätte sowieso ein neuer Bus für etwa 250 000 Euro gekauft werden müssen, diese Summe hätte der Bezirk erst recht nicht bezahlen können, sagt Schimmang.

Für Marcel Draeger passt das alles nicht zusammen. Jeden Freitag, wenn der Bücherbus auf dem Hof seiner Schule hielt, lieh sich der Zehnjährige Bücher und Kassetten aus, manchmal gleich 20 Stück. „Die Politiker fordern doch immer, dass wir mehr lesen sollen. Und jetzt schließen sie den Bücherbus?“, sagt der Zehnjährige. Er und zwei weitere Kinder haben mit ihren Freunden Unterschriften gesammelt und an die Redaktion im Kinderkanal (Kika) geschrieben. In der Sendung „logo“ müssen Erwachsene auf die Fragen der Kinder antworten.

So auch Schimmang: Er schlägt den Kindern vor, in die vier verbleibenden Neuköllner Büchereien zu gehen. Oder mit ihren Eltern einen „Bibliotheksausflug“ zu machen. Überhaupt sei der Bücherbus nur ein „Hilfsmittel“. „Eine richtige Bücherei gehört in ein festes Gebäude“, behauptet Schimmang.

Ein Mädchen sagt, sie müsse jetzt 30 Minuten mit dem Rad in die Bücherei fahren. Schimmang erzählt von früher: Da sei er als Zehnjähriger mit seinem Roller vom Hermannplatz bis nach Britz gefahren, eine Stunde habe das gedauert. Da könne doch eine halbe Stunde nicht zu viel sein. Viele Ideen haben die Schüler, um den Bücherbus zu retten. Einen Trödelmarkt würden sie organisieren, bei jeder Ausleihe einen Euro bezahlen, Sponsoren suchen. Nach einer halben Stunde beendet Schimmang die Runde: „Manche Dinge gehen eben nicht!“
Der Beitrag läuft am Dienstag, 20. Februar, um 16.50 Uhr in der Sendung „Logo“ im Kinderkanal.

Ein Gedanke zu „„Manche Dinge gehen eben nicht““

  1. Das nennt man also Bildungsoffensive, wenn man deutscher Politiker ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Neukölln keine andere Möglichkeit des Sparens gibt!
    Und: Vergleiche mit früheren Zeiten gehören in die Mottenkiste!
    Ich werde mir schwer überlegen, ob man die verantwortlichen Parteien wiederwählen kann…

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